Hauttief

Acht Menschen, acht Narben.

Jede Narbe hat eine Geschichte. Eine Operation, ein Unfall, eine Entscheidung, eine Krankheit. Auf den Bildern ist die Narbe zu sehen — in den Aufnahmen erzählen die Porträtierten selbst, woher sie stammt und was sie für sie bedeutet.

Auffällig ist, wie selten dabei nur vom Makel die Rede ist. Die Narbe wird zum Merkzeichen für einen Lebensabschnitt, zum Beleg für etwas Überstandenes, manchmal zur Erfüllung eines lange gehegten Wunsches. „Jede Narbe ist etwas Einzigartiges“, sagt eine der Stimmen.

Die Aufnahmen dauern zwischen einer halben und einer guten Minute. Kopfhörer empfohlen.

Porträt Michael
Michael

„Die Narbe im Gesicht stammt von einer Schlägerei, bei der es um ein Mädchen ging. Ich wollte einen Streit schlichten, und schließlich hat mir jemand eine abgeschlagene Mineralwasserflasche durchs Gesicht gezogen.

Was mich immer noch stört, ist, daß sie so ein bißchen zuckt, wenn ich blinzel. Wenn mich darauf jemand anspricht, dann ärger ich mich richtig. So ein Zucken im Gesicht hat wohl keiner gerne. Mir wäre es schon lieber, die Narbe wäre nicht da. Aber manchmal freue ich mich, wenn jemand sagt: ‚Die Narbe macht dich interessant‘. Ab und zu kommt das vor.“

Porträt Sabrina
Sabrina

„Ich denke und empfinde gar nichts, wenn ich meine Narben sehe. Ich habe mich früher mit Rasierklingen selbst verletzt. Daher stammen sie. Ich finde, die Narben sind ein Teil von mir. Ich würde sie mir nicht wegwünschen, weil sie zu mir gehören. Manche finde ich auch schön. Jede Narbe ist etwas einzigartiges.

Damals bin ich ziemlich depressiv gewesen. Die Selbstverletzung war aber eine gute Erfahrung, weil sie mich aus den Depressionen herausgeholt hat. Wenn ich das Blut gesehen habe, habe ich gespürt, daß ich noch lebe.“

Porträt Birgit
Birgit

„Irgendwann habe ich beim Hautarzt meine Pigmentflecken untersuchen lassen. Mir sind dann sofort sechs Muttermale vom Rücken entfernt worden. Eines davon war ein bösartiges, malignes Melanom — also der Hautkrebs. Zuerst wurde das Melanom entfernt, und dann mußte drumherum auch noch ein bißchen von der Haut weggenommen werden, weil das ein Krebs ist, der sehr aggressiv ist und schnell metastasiert.

Im täglichen Leben beschäftigt mich die Narbe eigentlich nicht. Mein Freund kannte mich schon vorher. Aber wir trennen uns gerade. Und wenn man jetzt jemanden kennenlernt und das erste Mal sein T-Shirt auszieht und er dann sagt: ‚Mein Gott, was ist denn das?‘ — davor habe ich Angst.

Die Narbe hat mein Leben schon beeinflußt. Ich frage mich jetzt häufiger in Situationen: ‚Lohnt es sich, daß du dich jetzt über Kleinigkeiten aufregst? Da gibt es doch Wichtigeres.‘

Ich bin selber überrascht, daß die Narbe eigentlich mehr Positives als Negatives bewirkt hat. Ich horche jetzt intensiver in meinen Körper hinein. Ich frage mich viel häufiger: Was möchtest du eigentlich?“

Porträt Georg
Georg

„Die Narbe ist eine Operationsnarbe. Ich habe einen künstlichen Darmausgang bekommen.

Wenn ich die Narbe sehe, dann ärgere ich mich höchstens über mich selbst. Die Notoperation hätte nicht sein müssen. Aber ich habe alle Probleme immer in mich hineingefressen und bin viel zu spät zum Arzt gegangen. Die Narbe ist quasi mein Denkzettel.

Die Narbe ist komplett in Ordnung, die kann auch jeder sehen. Beim Beutel ist es mir peinlich, wenn der zum Beispiel beim Schwimmen zu sehen ist. Andererseits provoziere ich es stellenweise, daß er gesehen wird. Dann haben es nämlich alle abgehakt.

Als ich aus dem Krankenhaus rauskam, habe ich mir zuerst überlegt: ‚Was kann ich alles machen?‘ Die nächste Woche habe ich sehr bewußt jeden einzelnen Tag begrüßt und durchlebt und mir geschworen: Das behältst du bei, das vergißt du nie wieder. Leb’ jeden Tag intensiv durch!“

Porträt Inka
Inka

„Letztes Jahr haben mein Freund und ich eine Moped-Tour gemacht. Wir wollten einen Traktor überholen, der ist dann aber plötzlich einfach nach links ausgeschert — und wir sind frontal draufgefahren. Ich wurde fünf Stunden lang operiert: In den Oberschenkel kamen drei Schrauben und in den Rücken eine Platte und auch noch Schrauben.

Die Narbe am Rücken stört mich nicht so wie die am Bein. Aber bei der letzten Operation haben die Ärzte sie noch dünner gemacht. Und ich hoffe, daß man sie vielleicht nicht mehr so sieht, wenn sie richtig braun ist. Ich denke immer: Solange ich meinen Freund habe, der mich so akzeptiert, ist das okay!“

Porträt Jessica
Jessica

„Ich hatte früher eine stark verkrümmte Wirbelsäule und dadurch einen Buckel, was mit ständigen Schmerzen verbunden war. Die Wirbelsäule wurde operativ begradigt. Durch die Streckung bin ich sechs Zentimeter größer geworden. Unter der Narbe befinden sich zwei Metallstangen, sechs Schrauben und sechs Haken.

Die Narbe erinnert mich manchmal an die Zeit im Krankenhaus. Und dann denke ich daran, wie schmerzhaft diese Phase gewesen ist.

Ich finde, ich bin durch die Operation nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich gewachsen. Ich habe mehr Selbstbewußtsein bekommen. Durch den Buckel habe ich auf jeden Fall mehr gelitten als durch die Narbe.“

Porträt Klaus
Klaus

„Meine Narben stammen von einer Geschlechtsangleichungsoperation, von einer Frau-zum-Mann-Angleichung. Ich habe mich schon immer als Mann gefühlt.

Eigentlich empfinde ich fast alle meine Narben als angenehm. Ich habe ein erweitertes Bewußtsein durch meinen Körper und möchte mit niemandem auf der Welt tauschen — egal, was ich durchmachen mußte.

Meine Narben erinnern mich an meine ereignisreiche, damals unglückliche Vergangenheit, aus der ich aber heute sehr viel Positives ziehen kann. Ich muß immer wieder darüber staunen, wie sehr ich heute noch davon zehre. Ich hatte im Vergleich zu anderen Menschen ein sehr abwechslungsreiches, teilweise sogar gefährliches Leben. Ich habe auch innerliche Narben, die mich teilweise mehr lehren als die äußeren. Es ist so, daß die körperlichen Narben die inneren symbolisieren, aus denen ich meine Kraft ziehe.

Die Narben drücken für mich die Erfüllung eines Lebenstraumes aus.“

Porträt Sylvia
Sylvia

„Meine Narbe stammt von der Entfernung eines gutartigen Tumors an der Leber.

Der Tumor ist entdeckt worden, als ich mich entschlossen hatte, mein erstes Studium abzubrechen. Das war wie eine Unterstreichung meiner Entscheidung. Ich hatte das Gefühl, gleich zweimal hintereinander eine große, unangenehme Last loszuwerden. Das war, als würde ich mit meinem Leben aufräumen. Die Narbe steht für mich stellvertretend für diese Zeit.

Die Narbe erinnert mich immer wieder daran, wie glücklich ich sein sollte, daß ich gesund bin. Alles andere kann man regeln, Lösungen dafür finden. Alles Unangenehme, das mit der Narbe einhergeht, also Äußerlichkeiten, verliert daneben völlig an Gewicht.“