Neben der Fotografie läuft bei mir ein zweites Projekt: ein YouTube-Kanal über meine Australian Shepherds – Luze, Lule und Liba. Kurze Videos aus dem Alltag, gedreht in Kempten und im Allgäu.
Zurzeit dreht sich fast alles um Lules aktuellen Wurf: die ersten Ausflüge, der erste Sprung, das erste Mal Wasser. Vieles davon entsteht rund um den FH-Campus in Kempten und auf Wiesen in der Umgebung oder auf meiner Abenteuerwiese in Laupheim oder auf Radtouren mit dem Fahrradcamper – an Regentagen auch mitten im Wohnzimmer.
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Warum ich die Welpen überall mit hinnehme
Wer die Videos sieht, merkt schnell: Meine Welpen sind viel unterwegs. Baumarkt, Einkaufszentrum, Badesee, Fußgängerzone, Café, Bahnhof. Mit Bus, Bahn und Camper. Auf Asphalt, Gitterrosten, Sand, Kies, Wiese, Holzbrücken, Waldwegen, Parkett, Marmor, Metall, Rolltreppen und Fahrstühlen.
Dafür werde ich regelmäßig kritisiert – das sei zu früh, zu viel, zu riskant. Diese Kritik verstehe ich, aber sie geht an der Sache vorbei. Was ich mache, ist kein Selbstzweck und keine Show für die Kamera. Es folgt einem der am besten belegten Grundsätze der Verhaltensbiologie.
Der wissenschaftliche Hintergrund
Zwischen der etwa 3. und 12. bis 16. Lebenswoche durchläuft ein Welpe die sogenannte sensible Phase der Sozialisierung und Habituation. In dieser Zeit bildet sein Gehirn außergewöhnlich viele neuronale Verknüpfungen. Was er in diesem Fenster positiv oder neutral erlebt, ordnet er lebenslang als normal und ungefährlich ein. Was er nicht erlebt, bleibt fremd – und Fremdes löst später Angst aus.
Das ist keine Meinung und keine Modeerscheinung, sondern seit den 1960er-Jahren Lehrbuchwissen:
Scott & Fuller (1965)
Genetics and the Social Behavior of the Dog. University of Chicago Press.
Die Pionierstudie zur Entwicklung des Hundes. Scott und Fuller wiesen nach, dass die Zeit zwischen der 3. und 12. Lebenswoche die entscheidende Phase der primären Sozialisierung ist. Welpen ohne Kontakt zu wechselnden Umweltreizen und Menschen zeigten im späteren Leben dauerhaft stärkere Ängstlichkeit und Anpassungsschwierigkeiten.
Freedman, King & Elliot (1961)
Critical Period in the Social Development of Dogs. Science 133, S. 1016–1017.
Welpen wurden bis zu unterschiedlichem Alter isoliert gehalten und danach getestet. Ergebnis: Ab der 5. Lebenswoche nahm die Tendenz zu, sich von Menschen zurückzuziehen. Erfolgte die Sozialisierung nicht vor der 14. Woche, wurden die Vermeidungsreaktionen so stark, dass sich ein normales Verhältnis zum Menschen danach nicht mehr herstellen ließ.
Serpell & Jagoe (1995)
Early experience and the development of behaviour. In: J. Serpell (Hrsg.), The Domestic Dog: Its Evolution, Behaviour and Interactions with People. Cambridge University Press.
Verknüpft die Aufzuchtbedingungen direkt mit späterem Verhalten. Hunde, die zwischen der 3. und 12. Woche eine hohe Vielfalt an Umweltreizen kennengelernt hatten – verschiedene Untergründe, Geräusche, städtische Umgebungen – neigten als Erwachsene deutlich seltener zu Geräuschangst und Ängstlichkeit gegenüber Unbekanntem.
Appleby, Bradshaw & Casey (2002)
Relationship between aggressive and avoidance behaviour by dogs and their experience in the first six months of life. Veterinary Record 150(14), S. 434–438.
Hunde, die ihre ersten Lebenswochen in reizarmer Umgebung verbracht hatten – etwa ausschließlich im Zwinger oder in einem ruhigen Raum ohne wechselnde Untergründe und Geräusche – zeigten als Erwachsene deutlich häufiger Angst- und Aggressionsverhalten gegenüber Fremden und in neuen Situationen.
American Veterinary Society of Animal Behavior (AVSAB)
Position Statement on Puppy Socialization.
Die Fachgesellschaft der Verhaltensmediziner hält fest: Die wichtigste Zeit der Sozialisierung sind die ersten drei Lebensmonate. Welpen sollten in dieser Zeit so vielen Menschen, Tieren, Reizen und Umgebungen begegnen, wie sich sicher und ohne Überforderung erreichen lässt. Ausdrücklich hält die AVSAB es für den fachlichen Standard, dass diese Sozialisierung vor der vollständigen Impfung stattfindet – weil das Verhaltensrisiko einer versäumten Sozialisierung schwerer wiegt als das kontrollierbare Infektionsrisiko.
Und wozu der Welpenwagen?
Genau wegen des Wortes „ohne Überforderung“ in der AVSAB-Position. Ein acht Wochen alter Welpe soll die Rolltreppe, den vollen Bahnhof und die Fußgängerzone erleben – aber er soll sie nicht aushalten müssen. Im Wagen entscheidet er selbst, ob er schaut oder schläft, und kann jederzeit zurück. So erlebt er die Reize dosiert und stressfrei, statt ihnen ausgeliefert zu sein. Nebenbei löst er das hygienische Problem in den Wochen vor der vollen Impfung, weil der Welpe nicht über fremde Böden laufen muss.
Auch die Untergründe haben einen Grund: Das Nervensystem muss lernen, taktile und propriozeptive Reize zu verarbeiten – die Rückmeldung von Muskeln und Gelenken darüber, worauf man gerade steht. Fehlt diese Erfahrung in der sensiblen Phase, reagieren erwachsene Hunde auf Gitterroste oder rutschige Böden häufig mit Blockade oder Panik, weil das Gehirn den Reiz nicht einordnen kann.
Kurz gesagt
Bis etwa zur 12. Lebenswoche ist das Gehirn des Welpen in der sensiblen Entwicklungsphase. Was er jetzt positiv oder neutral kennenlernt – Gitter, Asphalt, Geräusche, Menschenmengen – ordnet sein Gehirn lebenslang als sicher ein. Das ist seit Scott & Fuller und Serpell wissenschaftlich belegt. Der Welpenwagen sorgt dafür, dass sie diese Reize dosiert und ohne Überforderung erleben.
Wohin das führt, sieht man daran, wo meine Hunde heute leben: Die meisten sind in Familien untergekommen. Einer arbeitet als Therapiehund bei einem Psychologen, ein paar begleiten junge Mädchen als Unterstützungs- und Begleithunde.Einer habe ich an eine Therapieeinrichtung für Kinder vermittelt.
Gerade die letzten beiden Aufgaben setzen genau das voraus, worauf ich von der dritten Lebenswoche an hinarbeite: einen Hund, der in fremden Räumen, mit fremden Menschen und in unvorhergesehenen Situationen ruhig bleibt. Ein Hund, der am Gitterrost blockiert oder im vollen Wartezimmer überdreht, kann diese Arbeit nicht leisten. Aber auch im Familienalltag zahlt sich das jeden Tag aus – ganze Schulklassen haben sich schon auf meine Welpen gestürzt, und genau dafür sind sie vorbereitet.
Fragen zu den Hunden oder zur Fotografie? Schreib mir.
